Wie mich der Zufall zu HR brachte – eine sehr persönliche Einführung.

Dies ist mein allererster Blog. Initialzündung für den Wunsch, einen Blog zu schreiben war meine Anmeldung auf twitter vor wenigen Monaten. Innerhalb kürzester Zeit habe ich Personen gefunden, die in noch viel kürzerer Zeit meinen beruflichen Blickwinkel unglaublich vergrößerten. Ich war schon nach wenigen Tagen absolut begeistert von diesem Netzwerk und von den vielen spannenden Personen, die es tagtäglich bereichern. Es ist ein Netzwerk für Menschen, die etwas zu sagen haben. Und plötzlich hatte ich auch das Gefühl, etwas sagen zu müssen. Ich hatte das Gefühl, dass ich viele meiner Gedanken – besonders im Kontext der Personalarbeit – laut aussprechen könnte, damit sie jemand anderes vielleicht interessant findet.

Ein Blog soll es sein

Der Entschluss einen Blog zu schreiben war also gefasst – doch wie soll man beginnen? Worüber schreibt man seinen allerersten Blog? Das Gerüst – HR – war relativ klar, doch welches Thema nimmt man für den Einstieg. Da kam mir ein Gedanke. Ich habe in den letzten Tagen zum einen die Erfahrungsberichte über die Realität der Jobsuche von Katharina Nolden und von Steffi Maaß gelesen. Beide beschreiben die Schwierigkeiten und Herausforderungen, denen sie sich bei der Suche nach einer neuen Herausforderung ausgesetzt sahen und schreiben auch von der notwendigen Befassung mit dem eigenen Ich. Zum anderen habe ich ein Video von Henrik Zaborowski gesehen, indem er folgende Aussage zitiert: „Rufen Sie sich täglich in Erinnerung, dass alles was Sie sind, was Sie haben und was Sie können ein Ergebnis blinden Zufalls ist.“ Wow, starke Aussage und so ziemlich das Gegenteil des berühmten eigenen Glücksschmieds. Also dachte ich mir, wieso nicht mit etwas ganz persönlichem anfangen. Mit mir selbst. Mit meiner Jobsuche, die eigentlich gar keine richtige Suche war. Wieso nicht im ersten Blog vollständig die Hosen runterlassen, damit in Zukunft jeder, der seine wertvolle Zeit für das Lesen meiner Zeilen verwendet genau weiß mit wem er es zu tun hat? Quasi ein Klappentext, allerdings einer, der nicht überfrachtet ist mit Superlativen und Beschönigungen sondern der hauptsächlich eines ist: schonungslos ehrlich. Ich möchte beschreiben, wie meine Reise in die Welt der Human Relations ablief und damit indirekt Henrik Zaborowskis zitierte These des reinen Zufalls stützen. Einige mögen mich vielleicht für verrückt erklären und viele würden sicher sagen, ich schade mir damit selbst weil potentielle Arbeitgeber so etwas schließlich auch lesen können. Wenn mich ein Arbeitgeber aufgrund von Ehrlichkeit und dem Überwinden einer schwierigen Phase in der Vergangenheit ablehnt ist es nicht der richtige Arbeitgeber. Punkt.

Der Tiefpunkt

Ich beginne an einem Abend vor ziemlich genau 6 Jahren. Ich bin 23 Jahre alt und habe vor kurzem mein Abitur auf der BOS nachgeholt. Weil ich studieren wollte. Ich wusste nur nicht was. Also habe ich gejobbt und wie man in Bayern so schön sagt „gsandelt“. Ich war zwar an der Fernuni Hagen immatrikuliert im Studiengang Kulturwissenschaften, zu behaupten ich hätte das Studium intensiv betrieben wäre aber die Übertreibung des Jahrhunderts. Ich wohnte noch zu Hause, Miete for free, Lebensmittel for free, Auto for free. Da braucht man nicht viel Geld um über die Runden zu kommen. An jenem Abend lag ich also im Bett meiner neuen Freundin die ich erst wenige Monate kannte und schlief. Ich schlief nicht besonders gut. Ich spürte schon lange eine innere Unruhe, ein seltsames Gefühl dass ich einfach nicht loswurde. Mir war noch nicht klar dass an diesem Abend der traurige Höhepunkt dieses Gefühls erreicht werden sollte. Ich wachte plötzlich auf und spürte nur ein einziges übermächtiges Gefühl: Panik! Aber nicht irgendeine Panik. Ich hatte die ganz konkrete Angst, jetzt gleich sterben zu müssen. Mein Hirn sendete diese Botschaft so glaubhaft aus, dass mein Körper entsprechend reagierte. Hyperventilieren, ein rasendes Herz, zittern, Schweißausbrüche, Fluchtgedanken und blanke Angst. Meine völlig überforderte Freundin, die mich erst seit wenigen Monaten kannte (und das auch nur als einen immer fröhlichen Zeitgenossen) versuchte ihr Bestes, um mich zurück in die Realität zu holen, musste letztendlich aber doch hilflos zusehen, bis die erste und bisher letzte Panikattacke meines Lebens vorüber war. Zurück blieb ein völlig erschöpfter und verängstigter junger Mann, der nicht wusste, was soeben passiert war. Und warum. Die Panik war vorüber, auch der Gedanke des unausweichlichen Todes war weg, doch die Angst blieb. Die Angst, es würde gleich wieder passieren. Meine Freundin brachte mich in die Notaufnahme, wo man mir den richtig guten Stoff verabreichte um mich zu beruhigen und die Angst zu mildern. Sie informierte meine Eltern und in meinem nun willenlosen Zustand brachte man mich in ein nahegelegenes Bezirksklinikum. Die Ärzte waren der Meinung ich wäre dort besser aufgehoben. Wir kamen mitten in der Nacht dort an. So fand ich mich also – ein völlig gesunder junger Mann von 23 Jahren, der vor wenigen Stunden noch mit seinen Freunden gelacht hatte – im nächstgelegenen Bezirksklinikum wieder. Ich wurde nachts noch einmal aufgeweckt und von zwei Ärzten ins Verhör genommen, die der festen Überzeugung schienen, ich sei selbstmordgefährdet. Ich versuchte Ihnen klar zu machen dass ich nicht im Entferntesten daran dachte, mein Leben zu beenden – ob sie es glaubten konnte ich nicht beurteilen. Ich durfte endlich schlafen.

Versteckt vor der Welt

Am nächsten Morgen fand ich mich an dem tiefsten Punkt meines Lebens. Ich war in einem Haus mit lauter jungen Leuten, die sich im Leben schwer taten und die viele körperliche und seelische Narben trugen. Die meisten waren jünger als ich. Ich wusste dass ich hier nicht hin gehörte aber ich war noch nicht bereit, nach Hause zu gehen. Da war immer noch eine Angst vor dem, was passiert war und dass es wieder passieren könnte. Das Haus in das ich kam, war offen, man konnte kommen und gehen wann man wollte und die Stimmung war angesichts der äußeren Umstände ganz gut. Ich bekam einen Therapieplan mit viel Musik, mein Vater brachte mir meine Gitarre mit und eine Psychologin wollte jeden Tag von mir wissen, ob ich nach wie vor sicher war, mein Leben nicht beenden zu wollen. Meine Freunde kamen vorbei und fragten, was ich hier täte – ich gehörte hier nicht hin, ich hätte hier nichts zu suchen, ich solle doch bitte wieder nach Hause kommen. Meine Freundin kam vorbei und sagte mir, das mit uns sei keine gute Idee – kann man es ihr verdenken? Ich habe mich vor der Welt versteckt für wenige Tage. Ich war noch nicht bereit, in diese Welt zurückzukehren, die mir so etwas angetan hatte. Nach einer Woche habe ich mich selbst entlassen und im Laufe der nächsten Monate zwei Therapien gemacht, eine Gesprächs- und eine Verhaltenstherapie um endlich abzurechnen mit dem verschüchterten rothaarigen dicklichen Jungen, der in der Schule gemobbt wurde und sich nie gelernt hatte durchzusetzen. Ich habe aufgehört zu rauchen, viel Sport gemacht, fast 15 Kilo abgenommen und versucht, aus einem jahrelangen Strudel aus Unsicherheit, Unzufriedenheit, mangelndem Selbstvertrauen und Sinnfindung herauszukommen. Ich jobbte weiterhin als Kleinunternehmer und kam gut über die Runden. Wie das Schicksal so spielt habe ich meine Freundin (ja, die gleiche) wenige Monate nach dieser Eskapade wiedergetroffen und sie wurde nochmal meine Freundin. Nach einem gemeinsamen Jahr in meiner Heimat Rosenheim habe ich beschlossen, mit ihr zusammen zurück in ihre Heimat im Münchner Norden zu ziehen, quasi woanders neu anzufangen. Das stellte mich plötzlich vor die Herausforderung, einen (richtigen) Job suchen zu müssen. Vorbei war die Zeit mit Miete for free, Lebensmittel for free und Auto for free. Es war an der Zeit, Geld zu verdienen und um nichts anderes ging es damals. Das Studium der Kulturwissenschaften war schon lange Geschichte, der Zug war abgefahren – ich hatte einfach zu lange gewartet. Jetzt einen Job mit Sinn oder den Traumberuf finden schien undenkbar.

Ich bin eine Fachkraft – oder doch nicht?

Ich war also mittlerweile 25 Jahre alt, meine (kaufmännische) Ausbildung lag viele Jahre zurück und dazwischen lag viel unverwertbare Zeit. Zivildienst, BOS, selbstständiger Kleinunternehmer. Nichts was ein Unternehmen vom Hocker haut wenn man sich dort bewirbt. Ich überarbeitete also meine Bewerbungsunterlagen und legte los. Anfangs konzentrierte ich mich noch auf Stellen für kaufmännische Fachkräfte doch mir wurde relativ schnell klar, dass mich niemand mehr als kaufmännische Fachkraft einstellen wollte. Auf meine Bewerbungen bekam ich bestenfalls eine Eingangsbestätigung oder nach mehreren Wochen eine Standard-Absage. Also erweiterte ich meinen Suchradius. Ich bewarb mich auf fachfremde Jobs, auf Helferjobs, auf Nachhilfe-Jobs, ich wäre bereit gewesen fast alles zu tun um einen Job zu bekommen. Für Facharbeiterstellen war ich nicht mehr gut genug und für Helferstellen war ich zu uninteressant. Ich war sehr ernüchtert. Zählte denn meine Ausbildung gar nichts mehr? Und mein Abitur? Meine Sprachkenntnisse? Meine erworbenen Fähigkeiten während meiner Selbstständigkeit? Nein, ich musste feststellen, dass Selbstständigkeit im Lebenslauf eher als Lücke wahrgenommen wird denn als tatsächliche Arbeit, bei der man Fähigkeiten und Kenntnisse erwirbt. Am Ende waren es ca. 40 Bewerbungen über wenige Wochen – und exakt eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Bei einem Personaldienstleister, der einen kaufmännischen Sachbearbeiter für einen Kunden suchte. Das Gespräch war nett, die Dame war auch nett. Gehört habe ich nie wieder was. Die nächste Station in meiner Jobsuche war eine Bewerbung bei der Bundeswehr für eine Offizierslaufbahn. Hier hätte ich nämlich die Chance gehabt doch noch zu studieren. Als Kriegsdienstverweigerer eine durchaus mutige Aktion sich zu bewerben, fanden auch die Offiziere beim Interview. Das Ende vom Lied war ein zweitägiges Auswahlverfahren in einer Kölner Kaserne. Offizierseignung ja, aber mein Abiturzeugnis war dem Einplanungsoffizier nicht gut genug, er sah keine Erfolgsaussichten im Studium für mich. Ich hatte ne 5 in Mathe. Ich wurde abgelehnt. Somit war ich also am Ende mit meinem Latein. Bewerbungen geschrieben hatte ich wie ein wilder, ich war wirklich bereit, alles zu tun um nicht mehr arbeitslos zu sein, aber ich schien für den Arbeitsmarkt nicht existent zu sein.

Der Zufall sieht nicht länger tatenlos zu

Und dann kam der Zufall zu Hilfe. Jetzt wirds kurz kompliziert: Der Vater meiner Freundin (ja, immer noch die gleiche) hat eine Cousine. Der Mann dieser Cousine ist Inhaber einer Personaldienstleistung in München. Dort habe ich meine Unterlagen hingeschickt in der Hoffnung, er hätte einen Einsatz als externer Mitarbeiter für mich. Ich bekam keine Antwort. Eine Woche später rief ich an bei ihm. Nach 10 Minuten kam die Frage „Mir gefällt was ich höre. Könnten Sie sich vorstellen, auch intern für uns zu arbeiten als Personaldisponent? Haben Sie Zeit für ein Vorstellungsgespräch?“ Der Rest ist Geschichte. Ein Vorstellungsgespräch, ein Tag Probearbeiten, zwei Tage später Arbeitsvertrag. Das war vor genau 4 Jahren. In diesen 4 Jahren ist viel passiert und ich habe noch viel mehr gelernt. Heute ist meine damalige Freundin, die hilflos zusehen musste wie ich in ein tiefes Loch stürzte, meine Frau und wir haben zwei gemeinsame Kinder die mir das Geschenk des Lebens jeden Tag in Erinnerung rufen. Ich habe einen Beruf gefunden der tatsächlich zur Berufung wurde und auch noch einen Arbeitgeber, bei dem ich dieser Berufung viel Freiraum geben kann um das zu tun was ich liebe. Ich habe festgestellt ich kann ja doch ziemlich gut mit Menschen, mit jener Spezies die ich als Kind, Teenager und junger Erwachsener eher gemieden habe. Ich habe doch noch angefangen zu studieren (neben Vollzeit-Job und Vollzeit-Papa) und die Erfolgsaussichten sehen äußerst gut aus (schöne Grüße an den Einplanungsoffizier bei der Bundeswehr). Ich habe ein Selbstvertrauen und berufsspezifische Kompetenzen entwickelt von denen ich vor wenigen Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätte und habe den Glauben zurückgewonnen, alles schaffen zu können, was mein Herz begehrt – und doch die Gewissheit zu haben, dass am Ende des Weges der Zufall steht und mich freudig lächelnd in Empfang nimmt. Der Zufall hat mich an den absoluten Tiefpunkt geführt und der Zufall hat mich in eine Welt geführt, in der ich vor Tiefpunkten keine Angst zu haben brauche, sondern sie nutze und daran wachse. (Schöne Grüße an Henrik Zaborowski)

Warum erzähle ich das ganze? Ich vermute um einerseits die Karten auf den Tisch zu legen wer ich bin und wo ich herkomme. Warum sollten die Menschen, die meine Beiträge eventuell lesen werden nicht wissen was für ein Mensch diese Zeilen verfasst hat. Andererseits um zu zeigen dass egal wie besch….. die Situation aussieht Dinge passieren die jenseits unserer Kontrolle liegen und uns auf neue Wege führen. Wie selbstbestimmt oder fremdgesteuert man dabei ist wird wohl auf ewig ein Streitthema bleiben. Tatsache ist, dass die meisten Dinge passieren, während man damit beschäftigt ist, gegen den Zufall zu planen. Und dass Jobsuche für Menschen ohne astreine Lebensläufe auch im Jahr 2019 noch eine verdammt schwierige Angelegenheit ist.

Danksagung und Schluss

Wer bis hierhin gelesen hat, der hat einen ziemlich tiefen und persönlichen Einblick in mein vergangenes und gegenwärtiges Leben bekommen und weiß nun, wer die Person ist, die in Zukunft regelmäßig seinen Senf dazugeben möchte, wenn es um das Thema HR geht. Ich hoffe dieser Einblick war mehr bereichernd als abschreckend und freue mich natürlich über jegliches Feedback – wie gesagt es ist mein erster Blog und ich habe sicher nicht alles richtig gemacht. Achja und ab dem nächsten Mal ist es vorbei mit der sentimentalen Persönlichkeits-Schiene. Dann gibt es „fachliche“ Beiträge, die „HRt aber fair sind.“ 😉 Danke an Steffi Maaß, Katharina Nolden und Henrik Zaborowski für Inspiration und Mut.

Zum Abschluss möchte ich gerne einen meiner Lieblingsmusiker zitieren, Tim McIlrath, der sagte:

„Every road to recovery starts at the breakdown.“

Du hast ja so Recht, Tim.

Vielen Dank fürs Lesen.

Bastian

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