Lasst uns über Personaldienstleistung reden

Ich möchte mit euch heute über Zeitarbeit reden. Aber halt wer jetzt schon die Augen verdreht. Ich rede über Zeitarbeit im Sinne von Personaldienstleistung. Und über Personaldienstleistung im Sinne von PERSONAL-Dienstleistung. In HR ist auch das H entscheidender als das R. Ich war vor einigen Monaten auf der TalentPro in München, um mein Unternehmen als Personaldisponent zu vertreten und nach Trends Ausschau zu halten die uns nutzen können. Ich traf auf der Messe einen Bekannten, der bei einer kleinen Softwarefirma in Teilzeit die HR Prozesse steuert. Wir unterhielten uns über verschiedene Dinge und er erzählte mir von einem abendlichen Networking Treffen für HRler bei dem er vor kurzem war. Dann fiel folgender Satz: „War echt super, da musste auch mal hin…. ach ne warte du bist ja gar kein echter HRler. Du darfst da ja eh nicht hin.“

Autsch, ein schmerzhafter linker Haken. Naja ich nahm es mit Humor und beendete das Gespräch relativ zügig. Dieser lustig gemeinte Seitenhieb ließ mich aber nicht so recht los. Ich war ziemlich wütend darüber, dass ich gewissermaßen abgewertet wurde nur weil ich bei einem Dienstleister tätig bin. Was sagt diese Tatsache denn über meine Kompetenzen in Sachen HR aus? Ich musste über den Tag verteilt noch das ein oder andere Mal die Erfahrung machen dass meine Gesprächspartner oft sehr ernüchtert reagierten, sobald sie mein Namensschild lasen. Nachdem in meinem Namen keine versteckte beleidigende Botschaft enthalten ist muss es wohl die Berufsbezeichnung und der Arbeitgeber sein, die Ernüchterung hervorrufen. Ich hörte Sätze wie „Achso, Sie sind vom Dienstleister, nein tut mir leid dann können Sie diesen Service nicht nutzen.“ oder auf Vorträgen „wir möchten gleich vorweg nehmen, dass wir nicht mit Personaldienstleistern zusammen arbeiten.“ Ich hatte kurz das starke Bedürfnis, mich mit einem großen Schild mit der Aufschrift EIN HERZ FÜR PDL im Kreis gehend und Parolen schleudernd den restlichen Tag vor den Eingang zu stellen. Habs nicht gemacht. Die hatten Security.

In Deutschland herrscht offenbar noch immer die Meinung, Personaldienstleister würden ihren Mitarbeitern auch den letzten unter unhaltbaren Bedingungen erarbeiteten Cent abpressen.

Diese Erfahrung hat jedoch gezeigt, wie es um „meine“ Branche in Deutschland steht. Scheinbar herrscht noch immer die Meinung, Personaldienstleister würden ihren Mitarbeitern auch den letzten unter unhaltbaren Bedingungen erarbeiteten Cent auspressen und nach getaner Arbeit bei fauligem Wasser und schimmligen Brot angekettet in den Keller werfen. Ich kann euch beruhigen. Bei uns ist das Wasser nicht faulig, es gibt Federbetten im Keller und wir haben Plüsch-Handschellen. Irgendeinen USP muss man schließlich haben. Das reicht euch noch nicht? Okay, dann versuche ich alternativ, mit Fakten (Vorsicht Verwechslungsgefahr – ich meine nicht alternative Fakten) darzulegen, warum es durchaus Sinn machen kann, den eigenen Rekrutierungsprozess durch Personaldienstleistungen zu verstärken – und warum wir gar nicht so schlimm sind, wie alle denken.

1. Kostenlose Reichweite

Ein guter Personaldienstleister sollte heutzutage wie jeder andere Arbeitgeber auch die Relevanz eines guten Netzwerks erkannt haben. Wenn ihr also dem Dienstleister einen Auftrag erteilt und dieser eure Stelle ausschreibt bzw. sein Netzwerk nutzt erhaltet ihr dadurch kostenlose Reichweite in den verschiedensten Kanälen und Netzwerken – vielleicht auch in solchen, die ihr bisher noch gar nicht kanntet. Vielleicht verfügt der Dienstleister über Rahmenverträge mit Stellenbörsen, die ihr noch nicht nutzt oder er ist aktiv in einem sozialen Netzwerk unterwegs, wofür bei euch niemand so Recht Zeit und/oder Lust hat. Nutzt den Reichweiten-Effekt – bei entsprechenden Vereinbarungen kann der Dienstleister auch mit eurem Unternehmensnamen werben – damit potenziert sich der Effekt für euer Unternehmen maßgeblich.

2. Kostenloses Know-How

Eine Zusammenarbeit mit einem Dienstleister schafft in der Regel immer zusätzliche Impulse.

Ein guter Personaldienstleister zeichnet sich in der Regel auch durch gutes internes Personal aus. Mit viel Glück trefft ihr also bei einer Kooperation mit einem Dienstleister auf Experten aus verschiedenen Fachgebieten – dem Recruiting, dem Sourcing, dem Online Marketing oder dem Vertrieb. Jeder einzelne kann wertvolles Know-How liefern, das nicht nur dem Personaldienstleister, sondern auch euch nützt. Eure Recruiting Abteilung ist top besetzt, aber im Online Marketing läuft es nicht so? Fragt euren Dienstleister. Das Online Marketing ist erstklassig, aber über die perfekte Kandidatenansprache hat sich noch nie jemand Gedanken gemacht? Fragt euren Dienstleister. Und darüber hinaus: Sprecht mit eurem Dienstleister über die Stellen, die ihr besetzen wollt. Gebt möglichst viele Informationen und es kommen ziemlich sicher noch Fragen auf, über die sich bei euch noch gar keiner Gedanken gemacht hat. Der Dienstleister hat einen anderen Blickwinkel, hat nicht die Unternehmensbrille auf und sieht unter Umständen schneller, an welchen Punkten man noch ansetzen kann um eine Stellenbesetzung zu optimieren. Eine Zusammenarbeit mit einem guten Dienstleister schafft in der Regel immer zusätzliche Impulse.

3. Gute Personalbetreuung

Eines der hartnäckigsten Klischees über Personaldienstleister ist nach wie vor die schlechte Behandlung der Mitarbeiter. Aber zur Erinnerung – wir reden hier über qualitativ hochwertige und kompetente Personaldienstleistungen. Wie jeder andere Arbeitgeber auch haben Personaldienstleister erkannt, wie wichtig eine vertrauensvolle und wertschätzende Personalbetreuung für die Mitarbeiterbindung ist. Sorry, sagte ich jeder hat es erkannt? Sagen wir fast jeder. Okay, ein paar habens erkannt. Ein guter Dienstleister schickt das Personal nicht zu euch, um es dann zu vergessen und das Geld einzukassieren. Ein guter Dienstleister ist immer ansprechbar für seine Mitarbeiter, steht stets als Sparringspartner zur Verfügung und versucht immer den bestmöglichen Match zwischen Person und Stelle zu finden, um eine langfristige Zusammenarbeit aller Beteiligten zu ermöglichen. Ein erster Schritt zur Auswahl eines guten Dienstleisters kann der Blick in Arbeitgeberbewertungsportale sein – hier finden nicht nur potenzielle neue Mitarbeiter interessante Einblicke, sondern auch Unternehmen, die eine Zusammenarbeit mit einem Dienstleister erwägen. Viele wären sicher überrascht, dass so mancher Dienstleister besser abschneidet als das eigene Unternehmen. Hier wären wir übrigens wieder bei Punkt 1: kostenlose Reichweite bzw. kostenloses Image. Hat euer Unternehmen jedoch bescheidene Bewertungen auf hiesigen Plattformen wird sich der Dienstleister zweimal überlegen, ob er Personal an euch überlässt.

Viele wären sicher überrascht, dass Personaldienstleister auf Arbeitgeberbewertungsplattformen besser abschneiden als das eigene Unternehmen.

4. Risikofreies Kennenlernen

Ihr kennt sicher diese Situation: Ihr habt einen Kandidaten für eine Stelle, der grundsätzlich passt, bei dem ihr euch aber nicht hundertprozentig sicher sind, ob er sich ins Team einfügt oder sich gut genug entwickelt für zukünftige Aufgaben. Kommt der Kandidat über einen Dienstleister wird das Risiko einer Fehleinstellung deutlich minimiert. Aber dafür gibt es doch die Probezeit, könnte man jetzt sagen. Das ist korrekt, jedoch bietet der Weg über den Dienstleister einen entscheidenden Vorteil – und zwar für den Mitarbeiter. Habt ihr den Mitarbeiter eingestellt und kündigt ihn während der Probezeit ist er arbeitslos. Habt ihr den Mitarbeiter über einen Dienstleister meldet ihr ihn vom Einsatz ab (was in der Regel auch kürzere Fristen bedeutet) – aber der Mitarbeiter ist nicht sofort arbeitslos. Sein Arbeitsverhältnis mit dem Dienstleister besteht weiterhin und die Chance ist groß, dass es einen möglichen alternativen Einsatz für ihn gibt. Also wartet im Bestfall nicht die Kündigung auf ihn, sondern ein spannender neuer Job.

5. Weniger Personaladministration

Was gehört nochmal in eine Personalakte? Wie muss ein rechtssicherer Arbeitsvertrag formuliert sein? Wie war das noch gleich mit der Arbeitszeiterfassung, Betriebsordnung, Sicherheitsanweisung, Erste-Hilfe-Vorschriften, DSGVO, AGG, AGB, et cetera pp? Und dann noch diese Lohn- und Gehaltsabrechnungen jeden Monat! Immer diese nervige Administrationsarbeit. Wenn ihr Personal über einen Dienstleister bezieht bedeutet das, dass ihr euch über so etwas (fast) keine Gedanken machen müsst. Der Dienstleister übernimmt die gesamte Aktenführung, Entgeltabrechnung und alle sonstigen administrativen Arbeiten, die für eine Mitarbeiterverwaltung notwendig ist. Auf Deutsch, der ganze langweilige, aber notwendige Kram wird euch abgenommen – quasi wie jemand, der euch zuhause die Wäsche wäscht. Klingt doch gut, oder? Nicht zu vergessen: Personaldienstleister werden regelmäßig auf Herz und Nieren geprüft – von der Agentur für Arbeit, von der Rentenversicherung, von der Steuer, von der Berufsgenossenschaft, vom Verband, von der sizilianischen Mafia – ein guter Personaldienstleister hat seine Hausaufgaben in Sachen korrekter Aktenführung in der Regel immer gemacht.

6. Transparente Kosten

Jeder weiß es und doch weiß es keiner so genau: Was kostet mich eigentlich die Rekrutierung eines neuen Mitarbeiters? Bei all dem Gerede über Data Driven Recruiting und Kennzahlen hier, Klickraten dort, time to hire und cost per application da werden dir vermutlich trotzdem die meisten HRler auf die Frage, was so eine Neueinstellung genau kostet mit einem Schulterzucken oder leicht glasigem Blick antworten. Stellt ihr jedoch die Frage eurem Dienstleister ist die Antwort ziemlich simpel: Nichts. Nada. Niente. Absolutely nothing. Alles, was bis zum tatsächlichen Beginn eines Mitarbeiters bei euch passiert ist bei den meisten Dienstleistern for free. Schon klar, werden jetzt wieder einige rufen, aber sobald er mal angefangen hat zahlt man einen horrenden Stundenverrechnungssatz für einen externen Mitarbeiter. Aber ist dass denn tatsächlich so? Aktuelle Kalkulationsfaktoren für Facharbeiter liegen irgendwo zwischen 1,8 und 1,95 auf den Stundenlohn. Klingt vielleicht erstmal viel (das doppelte vom Stundenlohn ist ja Wucher!!!!), ist es aber eigentlich nicht. Nehmen wir einen Facharbeiter, der sagen wir 19,00 € brutto pro Stunde verdient, Kalkulationsfaktor 1,87. Ergibt einen Stundenverrechnungssatz von 35,53 €. Von diesem Satz bezahlt der Dienstleister den Lohn, die Sozialversicherungen, steuerfreie Zulagen, sämtliche Ausfallzeiten des Mitarbeiters (Urlaub, Krankheit, Freizeitausgleich etc.) sowie alle möglichen weiteren Abgaben. Dann zieht man noch die Kosten für internes Personal, Miete, Software, Hundefutter für den Bürohund und die Großpackung Plüsch-Handschellen ab und übrig bleibt eine Marge, bei der jeder Einzelhändler sich sofort in der Isar ertränken würde. Der Irrglaube, ein Dienstleister könne sich massiv bereichern an seinen externen Mitarbeitern hält sich trotzdem hartnäckig in den Köpfen der meisten Menschen. Nochmal: Wenn es sich um einen guten Dienstleister handelt sorgt dieser zunächst mal dafür, dass seine externen Mitarbeiter fair bezahlt und fair behandelt werden. Auf Kosten des Mitarbeiters in die eigene Tasche wirtschaften ist ungefähr so sinnvoll wie Schädeldeutung im Recruiting oder zu behaupten der Klimawandel sei eine riesengroße Verschwörungstheorie der Grünen. Ein guter Dienstleister lebt von der Zufriedenheit seiner Mitarbeiter – nicht von der Maximierung seiner Marge – Punkt.

Wenn es sich um einen guten Dienstleister handelt sorgt dieser zunächst mal dafür, dass seine Mitarbeiter fair bezahlt und fair behandelt werden.

7. Zusätzlicher Rekrutierungskanal für langfristigen Personalaufbau

Personaldienstleistung verknüpft jeder automatisch mit temporären Einsätzen und befristeten Arbeitsverhältnissen. Das mag für den Großteil auch zutreffen, doch gibt es einige wenige, die Personaldienstleistung ausschließlich vermittlungsorientiert betreiben, also dafür sorgen möchten, dass ihre Mitarbeiter langfristig mit einem festen Arbeitsvertrag im Einsatzbetrieb übernommen werden. Wenn ihr so einen Dienstleister findet schafft ihr euch einen zusätzlichen Rekrutierungspool für langfristigen Personalaufbau. Der aktuelle Arbeitsmarkt ist wie geschaffen für eine derartige Verbindung zwischen Arbeitgeber und vermittlungsorientiertem Personaldienstleister.

Wenn ihr bis hierhin gelesen habt, dann erst einmal danke! Dieser Beitrag ist leider ein wenig eskaliert, was die Länge betrifft. Zum Schluss möchte ich noch sagen: Natürlich ist unsere Branche nicht perfekt. Es gibt leider sehr viele Negativbeispiele in der Personaldienstleistung. Aber mit ein bisschen Recherche und Aufmerksamkeit findet man solche, die die angesprochenen Punkte erfüllen und ihren Mitarbeitern vielleicht sogar ein bisschen mehr bieten als nur Plüsch-Handschellen.

So und jetzt möchte ich gefälligst zum HR-Networking Treffen eingeladen werden.

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