Die Geschichte von Ahmad

Ich tippe auf das + um einen neuen Blogbeitrag zu schreiben und sehe die Worte „Erzähle deine Geschichte hier“. Genau das möchte ich heute tun. Eine Geschichte erzählen. Die Geschichte von Ahmad. Ahmad ist Flüchtling. Meine Aufgabe ist es nicht, Flüchtlinge in die Gesellschaft zu integrieren. Meine Aufgabe ist es, aus Menschen ohne Job Menschen mit Job zu machen – und das möglichst nachhaltig und langfristig. Ob dieser Mensch schwarz, weiß, gelb, blau, grün, homo, hetero, männlich, weiblich, divers, behindert, nicht behindert, groß, klein, dick, dünn, Atheist, Christ, Muslim, konservativ, liberal, Helene Fischer Fan oder flat earther ist, ist mir dabei erstmal völlig egal. Jeder Mensch hat meinen Respekt verdient bis er mir das Gegenteil beweist. Jedenfalls ist meiner bescheidenen Meinung nach einer der wichtigsten Faktoren zur gelungenen Integration eine solide berufliche Grundlage. Menschen brauchen eine Aufgabe, sonst verkümmern sie geistig und körperlich.

So sitzt mir also vor ca. drei Wochen Ahmad gegenüber, ein Mann von 41 Jahren aus Syrien, der eine Frau und vier Kinder hat. Ich habe seine Bewerbung über einen ehemaligen Kollegen, der Umschüler beim bfz betreut, erhalten. Zwei Sekunden nach der Lektüre seines Lebenslaufs habe ich Ahmad angerufen und eingeladen. Warum? Weil mich eine Zahl besonders neugierig gemacht hat. Nämlich die Jahreszahl seiner Ankunft in Deutschland. 2016. Mai 2016. Wie kann es sein, dass jemand der erst vor drei Jahren hierher kam es bereits geschafft hat, eine komplette IHK Ausbildung zu absolvieren? Auf Deutsch!! Normalerweise ist meine Erfahrung mit Menschen, die erst vor drei Jahren nach Deutschland gekommen sind eine äußerst schwierige Verständigung mit einer Kombination aus Deutsch, Englisch und wildem Gestikulieren, Nicken und Kopfschütteln.

Für sich selbst hätte er sich mit der Situation abfinden können. Nicht jedoch für seine Kinder.

Ich sitze also da und höre Ahmad zu, wie er mir flüssig erzählt, wie alt seine Kinder sind und wie gut sie sich in der Schule machen. Ich frage ihn danach, was er beruflich machen möchte, wie sein idealer Job aussehen würde. Leider ist das, was er mir beschreibt noch sehr weit weg, ich hole ihn ein bisschen auf den Boden der Tatsachen zurück und versuche ihm vorsichtig einige Illusionen zu nehmen. Er ist ein bisschen enttäuscht, aber auch verständnisvoll. Ich frage ihn nach der Zeit in Syrien. Er beschreibt mir seine Zeit im Familienbetrieb, sie haben dort kleine Landmaschinen repariert, die Auftragslage war ordentlich, der Familie ging es gut. Dann begann der Krieg. Der Betrieb wurde geschlossen, Ahmad arbeitete sporadisch als Aushilfe und als Fahrer. Wann die Entscheidung für die Flucht getroffen wurde kann er mir genau sagen. Nämlich als seine Kinder nicht mehr in die Schule gehen konnten. Für sich selbst hätte er sich mit der Situation abfinden können. Nicht jedoch für seine Kinder. Also machte er sich auf den Weg mit vier Kindern, davon ein Säugling, über die Türkei und Griechenland nach Deutschland. Wieso Deutschland frage ich. Weil dort die Perspektiven am Besten sind, antwortet er. Klingt logisch, oder? Würde ich genauso machen, wenn ich gezwungen wäre zu fliehen. Ich würde mir überlegen, wo die Zukunftschancen meiner Kinder am größten sind.

Ohne ein Papier mit Stempel und Unterschrift kannst du in Deutschland erstmal nichts. New work sieht anders aus.

Hier angekommen tut Ahmad schließlich das einzig richtige: Er fängt sofort an Deutsch zu lernen. Und er kämpft darum, eine Ausbildung machen zu dürfen. Er hat schnell verstanden, dass man in Deutschland immer ein Stück Papier mit Stempel und Unterschrift braucht, das einem bestätigt etwas zu können. Hat man das nicht, kann man auch nichts. Eigentlich ne ziemlich beschränkte Denkweise in Zeiten von Fachkräfteengpässen, agile und new work. Den Lohn für seine Mühen hält Ahmad mir stolz entgegen. Ein IHK-Zertifikat über eine abgeschlossene Ausbildung als Industriemechaniker. Auch nicht gerade der leichteste Abschluss, den man so machen kann in Deutschland. Noch dazu mit 41 Jahren, ein Alter indem das Gehirn auf regelmäßige Lernanstrengungen reagiert wie auf Animationsversuche im Pauschalurlaub in Griechenland. Ihr merkt es sicher, ich war zu diesem Zeitpunkt bereits Fan von Ahmad. Also habe ich ihm versprochen, mich für ihn so richtig ins Zeug zu legen. Ich habe ihm interessante Stellen und Unternehmen vorgeschlagen und ihn zu seinem ersten Vorstellungsgespräch begleitet. Die erste fachliche Frage beantwortet er leider direkt falsch und ich sehe seine und meine Felle schon davonschwimmen. Aber Ahmad findet den richtigen Weg, um den Abteilungsleiter zu überzeugen. Und zwar ohne meine Hilfe. Als er dann auch noch beim Rundgang in der Produktion einen alten Freund wiedertrifft und ihn lachend umarmt ist eigentlich schon alles klar.

Das war vor zwei Wochen. Ahmad hat heute seinen ersten Arbeitstag. Ich habe ihn zwei Tage nach seinem ersten Vorstellungsgespräch eingestellt. Nicht ganz zu den Konditionen, die er sich anfangs vorgestellt hat, aber auch hier beweist er wieder Weitblick und Intelligenz. Er hat erkannt, dass seine Perspektive hier das entscheidende ist. Ab jetzt hat er es komplett selbst in der Hand, wie seine weitere Zukunft verlaufen wird. Wenn er es weiterhin so macht wie bisher gibt es für mich keinen Grund mir Sorgen zu machen. Ich habe fest vor, ihn auch nach seiner Zeit bei uns weiter zu begleiten um zu sehen, wohin ihn sein Weg führen wird. In solchen Momenten wird mir wieder klar, wieso ich meinen Job liebe und wieso ich es auf Dauer nicht aushalten würde, mit nicht-menschlicher „Ware“ zu arbeiten. Es ist immer wieder erstaunlich, zu was der homo sapiens fähig ist – sowohl im negativen als auch im positiven Sinne.

Ich hoffe sehr, dass das hier nicht nur Menschen in meiner „Toleranz-Blase“ erreicht. Ich würde mich freuen, wenn der ein oder andere unserer „besorgten Bürger“ diese Geschichte liest und versucht sich hineinzuversetzen in die Lage einer fünfköpfigen Familie, die vor der Entscheidung steht, ihr Heimatland zu verlassen und komplett – ich meine wirklich komplett – bei null anzufangen. Ich würde mich aber auch freuen, wenn der ein oder andere Neuankömmling das liest und begreift, wie unfassbar wichtig die Sprache für einen erfolgreichen Neubeginn ist. Je besser man die Sprache beherrscht, desto größer sind die Chancen auf eine bessere Zukunft.

Wenn es dann noch etwas gibt, das einen Menschen antreibt gibt es im wahrsten Sinne des Wortes keine Grenzen.

2 Kommentare zu „Die Geschichte von Ahmad“

  1. Chancen geben, eröffnet ja nicht nur einseitig neue ungeahnte Möglichkeiten. Ein schönes Beispiel, wie wir in einer offenen Welt gut miteinander umgehen können. Davon würde ich gerne mehr lesen.

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