Lasst Väter um Himmels willen Elternzeit nehmen!

Eigentlich sollte es reichen, die Überschrift dieses Artikels unkommentiert stehen zu lassen. Damit wäre alles gesagt. Da mein Sohn aber vor wenigen Wochen das wunderbare Wort „warum“ und dessen exzessiven Gebrauch für sich entdeckt hat bin ich es sowieso gewohnt, Begründungen zu geben. Auch für Aussagen, die keine Begründung benötigen. Also mache ich damit einfach weiter.

Es gibt zwei sehr große K’s im Leben eines Durchschnittsdeutschen. Das eine K steht für die Karriere. Das zweite K steht für Kinder. Jedes K für sich betrachtet ist unproblematisch. Schwierig wird es erst, wenn man glaubt man könnte beide K’s miteinander kombinieren. Ich will gar nicht erst anfangen darüber zu reden wie schwierig das besonders für Frauen ist, diese Problematik würde alleine für mehrere Blog-Artikel reichen. Doch selbst für die Papas dieser Welt scheint es in unserer vermeintlich modernen Arbeitswelt schwierig genug zu sein, an seiner Familie teilzuhaben ohne gleichzeitig auf dem Karriere-Abstellgleis zu landen. Ich habe zwei Kinder. Bei beiden Kindern habe ich jeweils den ersten und den 13. Lebensmonat der Kinder Elternzeit genommen. Meine Frau ist kein Karrieremensch, für sie war klar sie möchte möglichst viel Zeit mit den Kindern verbringen und meine Firma konnte/wollte nicht länger auf mich verzichten. Mein Chef hat das (zwar ein wenig zähneknirschend) akzeptiert und verstanden und mir den Rücken freigehalten. Obwohl er wusste dass es suboptimal ist, wenn von 4 Vollzeitkräften einer so lange fehlt. Ich hätte gerne länger Elternzeit genommen, wusste aber auch dass ich damit vor allem meine Kollegen im Stich lasse, die meine Arbeit mitmachen müssen und es komplett ohne Elterngeld finanziell tatsächlich schwierig werden würde.

Aus Angst vor beruflichen und finanziellen Nachteilen nehmen nur 4 von 10 Männern in Deutschland Elternzeit.

Einer Studie des DIW zufolge nehmen lediglich 4 von 10 Männern in Deutschland Elternzeit und selbst diese 4 auch nur die Mindestzeit von 2 Monaten. Der Hauptgrund: Angst vor beruflichen und finanziellen Nachteilen. Die finanziellen Nachteile lassen sich mit ein bisschen Planung leicht ausgleichen. Schließlich werden Kinder nicht einfach ohne Ankündigung vom Storch gebracht, in der Regel hat man gute 9 Monate Zeit, sich auf die Ankunft des süßesten Schlafterroristen der Welt vorzubereiten. Jeden Monat ein bisschen was beiseite gelegt und schon muss ich auch in der Elternzeit keine Angst haben, meinen Dispo zu bemühen. Zumindest wenn ich „nur“ 2 Monate nehme. Das Problem der beruflichen Nachteile lässt sich leider nicht so leicht lösen. Hier sind die Unternehmen gefragt, die sich endlich mal an die eigene Nase fassen müssen. Sind wir im Jahr 2020 tatsächlich immer noch nicht so weit, von der klassischen „Männerkarriere“ abzurücken? CEOs sollten sich fragen: Bin ich wirklich das moderne Unternehmen, dass von meiner Hochglanz-Marketingabteilung propagiert wird oder herrschen doch noch die gleichen verkrusteten Strukturen der letzten 50 Jahre? Frauen im Vorstand und Männer daheim beim Baby? Das sind die echten Unicorns in Deutschland.

Ich habe mich in den letzten Jahren mit vielen Vätern ausgetauscht, die mir von ihren eigenen Erfahrungen bzgl. Elternzeit und Arbeitgeber berichteten. Man bekommt fast immer das gleiche Gefühl. Ja, du kannst schon Elternzeit nehmen, wir können ja eh nichts dagegen machen. Aber rechne bitte nicht damit, dass wir das gutheißen. Für Arbeitgeber scheint diese Zeit als vollkommen unnütz und überflüssig wahrgenommen zu werden. Okay, es mag sein dass ich während meiner Elternzeit keine 137 Mails am Tag beantworten, keine 342 Anrufe entgegennehmen und keine 85 Vorstellungsgespräche führen konnte. Aber habt ihr, liebe Arbeitgeber schonmal darüber nachgedacht, welche Bedeutung der Umgang mit Babies und Kleinkindern für die Weiterentwicklung unserer Soft Skills haben kann? Stichwort: Kompetenzen aus privaten Lernorten, schöne Grüße an dieser Stelle an Heike Rosenberg, die genau dieses Thema versucht salonfähig zu machen. Schaut mal vorbei bei ihr unter https://www.consulting-rosenberg.de/

Aber zurück zum eigentlichen Punkt: Lasst eure frischgebackenen Papas doch um Himmels willen in Elternzeit gehen! Es hat deutlich mehr Vorteile als Nachteile, Stichwort Soft Skills. Egoistisch wie ich bin betrachte ich das ganze wieder aus eigener Sicht: Ich habe also insgesamt 4 Monate als Vollzeit-Papa verbracht. Was das für die Beziehung zu meinen Kindern bedeutet hat steht auf dem einen Blatt. Im Kontext dieses Artikels ist jedoch wichtiger: was hat das mit mir gemacht? Mag ja sein, dass es Menschen gibt die schon bei der Geburt eines Kindes absolute Profis im Umgang mit selbigem sind. Ich gehe jedoch mal davon aus, dass ich nicht der einzige bin, der in seine neue Rolle als Verantwortlicher für ein Menschenleben erst hineinwachsen musste. Kompromisslose Liebe gepaart mit der ständigen Angst, etwas „falsch“ zu machen stellt die eigenen Emotionen doch erstmal ziemlich auf den Kopf. Dazu kommt in den meisten Fällen permanenter Schlafentzug und eine völlige Umstellung des gewohnten Tagesablaufs. Alles dreht sich plötzlich um das Wohlbefinden eines Kindes, dass anfangs hauptsächlich durch Schreien kommuniziert.

Aber welche Kompetenzen, welche Soft Skills entwickelt man denn wirklich im Umgang mit einem Neugeborenen? Hier eine kurze Aufstellung, quasi meine „Soft-Skills-Kinder“ Top 10:

  1. Stressresistenz – Kinder großziehen ist eine Grenzerfahrung, Leben am Limit sozusagen. Jeder, der schon einmal einem hungrigen, zahnenden und unausgeschlafenen Kind nachts um 03:00 und noch völlig groggy vom Tiefschlaf die Windel gewechselt hat während man mit 120 db beschallt wird weiß wovon ich spreche. Spätestens dann, wenn der kleine Spross zwei Stunden später um 05:30 Uhr die Nacht für beendet erklärt und Frühstück verlangt.
  2. Konfliktfähigkeit – Ich sage nur Ü-Ei und Supermarktkasse. 😉
  3. Zeitmanagement – Mit Kindern dauert alles, ich meine wirklich ALLES länger. Du hast um 11:00 Uhr einen Arzttermin mit den Kindern und es ist Winter? Fang am besten gegen 09:30 Uhr mit der Vorbereitung an. Kinder einfangen und wickeln, normale Klamotten anziehen, Flasche und Wegzehrung vorbereiten, Kinder wieder einfangen und Winterklamotten anziehen. Anschließend während du ein Kind trägst, dir eins am Bein hängt und du zwei Flaschen und 3 Tupperdosen versuchst in eine Tragetasche zu stopfen noch an die eigenen Klamotten denken. Wenn du dann in der Jacke bist die Kinder, die dir nicht mehr am Bein hängen wieder einfangen und zum Auto bringen. Kinderwagen einladen, Kinder wieder einfangen und in die Kindersitze packen. Dir fällt ein dass du die Kuscheltiere vergessen hast, sprintest zurück nach drinnen um sie zu holen und das zu erwartende emotionale Trauma abzuwenden, schmeißt dich dann auf den Fahrersitz, schaust kurz auf die Uhr – es ist 10:55 Uhr – du kommst zu spät.
  4. Einfühlungsvermögen – Kinder werden von ihren Emotionen gesteuert, die sie meist ungefiltert und ohne Rücksicht rauslassen. Es wird geheult, geschrien, geschlagen, gebissen und gewütet. Du bist als Elternteil idealerweise der Ruhepol und schaffst es, dein Kind zu beruhigen anstatt selber von deinen Emotionen übermannt zu werden – auch wenn du den Grund des Ausbruchs vielleicht nicht verstehen kannst. Vielleicht kannst du dann das nächste mal den Kollegen, der vor einer für ihn unlösbaren Aufgabe steht unterstützen anstatt ihn belehren.
  5. Team- und Kommunikationsfähigkeit

    „Papa, krieg ich noch einen Keks?“
    „Nein, du hattest heute schon genug Süßigkeiten.“
    1 Minute später:
    „Mama, krieg ich noch einen Keks?“
    „Was hat denn Papa gesagt?“
    „Papa hat ja gesagt!“

    Familie funktioniert nur als Team. Ihr müsst euch einig sein und miteinander kommunizieren, um Missverständnisse zu vermeiden. Wenn das mal nicht hilfreich für den Job ist.
  6. Kreativität – Eltern werden heutzutage ja auch gerne „zwangsbastelnde Alleinunterhalter mit Müdigkeitshintergrund“ genannt. Und es stimmt tatsächlich, mit Kindern tust du plötzlich Dinge, die dir vorher niemals in den Sinn gekommen wären. Spätestens wenn Kinder die eigene Fantasie entdecken und diese spielerisch ausleben ist auch deine Kreativität gefragt. Ob du dir nun einen neuen Superhelden ausdenkst, nationalmuseumswürdige Knete-Skulpturen bastelst oder als fiktiver Feuerwehrmann zu Rettungseinsätzen in der ganzen Wohnung gerufen wirst – dein Gehirn wird sich anstrengen müssen.
  7. Fitness – Zugegeben, das ist eher ein Hardskill. Solltest du zu den aktiv mitspielenden Eltern gehören wirst du nun nicht stirnrunzelnd vor dem Bildschirm sitzen. Kinder können auch körperlich ganz schön anstrengend sein. 15 Minuten „Hoppe Hoppe Reiter“, 10 Minuten fangen spielen, danach 3 mal auf den Knien durch die ganze Wohnung und im großen Showdown der Grand Prix auf der Straße. Kind 1 auf dem Laufrad vs. Kind 2 im Kinderwagen – angeschoben von Papa, dieser wiederum angetrieben von jauchzenden Kinderstimmen. Und ich wundere mich immer noch, warum ich bis heute nicht zugenommen habe.
  8. Toleranz – dir werden im Laufe deines Vaterdaseins zwangsläufig viele andere Eltern begegnen, sei es im Geburtsvorbereitungskurs, auf dem Spielplatz oder im Kindergarten. Dabei wirst du viele außergewöhnliche und manchmal auch ungewöhnliche Menschen mit ungewöhnlichen Ansichten zum Thema Kinder und Kindererziehung kennenlernen. Das öffnet nicht nur neue Blickwinkel auf manche Dinge, sondern setzt auch voraus, dass du in der Lage bist, andere Meinungen zu tolerieren. Fang bitte nicht an zu diskutieren, ob es für Francois-Joél wirklich das beste ist, ausschließlich mit Datteln gesüßte Speisen zu bekommen – es geht dich nichts an und ist nicht deine Aufgabe.
  9. Selbstreflexion – es ist sowohl mit das Beste als auch mit das Beängstigendste, was Kinder mit einem tun – sie halten uns den Spiegel vor und zeigen uns oft erstaunlich klar, was für ein Mensch wir sind. Sie kopieren unsere Verhaltensweisen, unsere Art zu kommunizieren und unserer Redewendungen. Kleines Beispiel: Mein Sohn sagte vor kurzem zu mir, als er genervt war: „Papa, du gehst mir so auf den Sack!“ Ich war leicht schockiert (er ist 3!), habe kurz überlegt und dann gemerkt: Jepp, das hat er von mir. Wenn wir also aufmerksam im Umgang mit unseren Kindern sind können wir noch eine ganze Menge über uns selbst lernen und hoffentlich auch positiv verändern. Ich habe seitdem nie mehr gesagt, dass mir etwas auf den Sack geht.
  10. Geduld – Kinder haben ihren eigenen Rhythmus. Sie sind oft in ihrer eigenen Welt und haben kein Verständnis für das durchgetaktete Leben der Erwachsenen. „Komm jetzt endlich zum Essen“, „Zieh dir doch endlich die Schuhe an“, „Hör jetzt auf zu spielen, es ist Bettgehzeit.“ „Such dir doch jetzt endlich ein Buch aus“. Oft geht es uns einfach nicht schnell genug. Das kann zwar häufig nerven, führt aber in manchen Situationen auch zu total angenehmen Momenten der Entschleunigung – und sind wir mal ehrlich, die kann eigentlich jeder von uns in der heutigen Zeit gebrauchen.

Natürlich gibt es noch jede Menge anderer Kompetenzen, die man sich während einer Elternzeit aneignen kann. Für mich persönlich bleibt aber nur ein Fazit: Ich würde es jederzeit wieder tun! Ich habe mich in allen der genannten Bereiche weiterentwickelt, habe mehr über mich selbst gelernt als in jedem Soft Skill Seminar und habe gleichzeitig auch noch die Beziehung zu meinen Kindern damit gestärkt. Besser gehts nicht. Eines ist jedoch auch klar: Wenn ihr eure Elternzeit lieber hauptsächlich im Bollerwagen saufend in der Fußgängerzone, im Fitnessstudio („endlich wieder pumpen“) oder auf dem Golfplatz verbringt dann seid ihr nicht die richtige Zielgruppe und solltet ganz nebenbei bemerkt mal euer Rollenverständnis in Frage stellen.

Ich habe in meiner Elternzeit mehr über mich gelernt als in jedem Soft Skill Seminar.

Und was für eine Erkenntnis bleibt unterm Strich für die Arbeitgeber? Lasst ihr eure Mitarbeiter in Elternzeit gehen, ohne dass diese Angst vor einer beruflichen Ausgrenzung haben müssen bekommt ihr danach nicht nur einen Mitarbeiter mit zusätzlichen Soft Skills zurück. Ihr werdet sehr wahrscheinlich auch einen MItarbeiter haben, der dankbar für diese Möglichkeit ist und ein höheres Commitment und mehr intrinsische Motivation an den Tag legt als ein Mitarbeiter, der aus Angst vor der beruflichen Sackgasse lieber weiter Dienst nach Vorschrift verrichtet.

An dieser Stelle wieder einmal vielen Dank fürs Lesen und ich freue mich auf eure Meinungen, Kommentare und Anregungen. Seht ihr das auch so? Wie wird das in eurem Unternehmen gehandhabt?

Euer HRtaberfair

Quellen: https://www.diw.de/de/diw_01.c.673478.de/elterngeld_und_elterngeld_p…wie_vor_in_weiter_ferne.html

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